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Das Sommerland (Variante)

Ich weiß nicht, wie ich Dir das erzählen soll. Denn es ist kein Märchen, und gleichzeitig ist es doch so etwas wie ein Märchen. Es ist niemals passiert, und doch passiert es immer wieder. Es handelt von jemand, den du gekannt hast, und doch handelt es von keinem, den du kennst.

 

Direkt neben dir ist ein Tal, das du nicht sehen kannst. Du siehst es nicht, bis du dich selbst in diesem Tal befindest. Und wenn du in diesem Tal bist, weißt du erst, dass du dort gewesen bist, wenn du nicht mehr dort bist.


Ich meine das Dunkle Tal. Manche nennen es auch den Tod, aber ich habe es immer nur das Dunkle Tal genannt. Und zwar deshalb, weil man hindurchgehen muss. Und wenn du hindurchgegangen bist, dann bist du nicht mehr so, wie dich deine Mama, dein Papa, deine Brüder, Schwestern, Nachbarn und Freunde in Erinnerung haben. Du wirst anders im Dunklen Tal, und davon will ich dir gerne ein wenig erzählen.

Das Dunkle Tal befindet sich die ganze Zeit direkt neben dir, du siehst es bloß nicht. Du siehst das Dunkle Tal erst in dem Augenblick, in dem du es betreten musst, und das ist, wenn du stirbst.


Das ist ein bisschen schwierig zu erklären. Aber wenn Menschen sterben, dann machen sie sozusagen einen Schritt neben sich selbst, und dann sind sie auf einmal im Dunklen Tal. Sie können nicht selber bestimmen, ob sie hineinwollen oder nicht, und keiner kann sie aus dem Dunklen Tal zurückholen. Der Weg im Dunklen Tal führt nur in eine Richtung. Du kannst dich nicht mehr einfach umdrehen und umkehren, wenn du erst einmal im Dunklen Tal bist.

Am Anfang ist das dunkle Tal einfach finster. Und es kann sein, dass die, die es durchwandern, ein bisschen weinen. Denn es kann wehtun, wenn man sich plötzlich neben sich befindet, im Schatten des Tales. Ich sage Schatten, weil das Tal nicht ganz finster ist. Wäre es pechschwarz, dann wäre es ja unmöglich, sich darin zurechtzufinden. Aber es gibt ein Licht im Dunklen Tal. Davon will ich Dir später erzählen.


Aber wenn die, die dort laufen, immer weiter hineinkommen, hören sie auf zu weinen. Ich glaube, dass sie sozusagen vergessen, warum sie geweint haben. Sie vergessen, dass sie einen Schritt neben sich selbst gemacht haben. Sie merken bloß, dass der Weg plötzlich ein bisschen nach oben ansteigt. Und dann sehen sie immer mehr von dem Licht.

Jetzt will ich dir vom Licht im Dunklen Tal erzählen.
Aber ich kann nichts über das Licht sagen, ohne dir von dem zu erzählen, der immer wartet. Ich nenne ihn einfach „Der Immer Wartet“. Denn das ist es, was er tut: er wartet immer.

Dort, wo das Tal aufhört, beginnt eine große Wiese. Diese Wiese nennt man, die Sommerwiese, weil dort immer Sommer ist.


SommerwieseJetzt denken sicher einige, dass es langweilig ist, wenn auf der Sommerwiese immer Sommer ist. Denn es gibt Leute, die den Frühling oder den Winter oder den Herbst lieber haben als den Sommer.

Aber in dem Land, das am Ende des dunklen Tals liegt, ist vieles anders als hier bei uns. Da kommen die Jahreszeiten nicht nacheinander, wie du und ich es gewohnt sind. Nein, in diesem Land liegen die Jahreszeiten nebeneinander. Auf der einen Seite der Sommerwiese liegen die Frühlingsgärten, auf der anderen Seite befindet sich ein großer Park, der heißt Herbstfeld. Und dahinter kannst du direkt in den Winterwald gehen.

Du verstehst also vielleicht, dass du in diesem Land selber wählen kannst, in welcher Jahreszeit du am liebsten sein möchtest. Du kannst direkt von der Sommerwiese in den Winterwald gehen oder in die Frühlingsgärten. Und wenn du Hunger hast, machst du einfach einen kleinen Spaziergang zum Herbstfeld und pflückst dir eine schöne Birne oder Apfelsine. Das alles kannst du an einem einzigen Tag machen. Übrigens ist in diesem Land niemals Nacht, es ist dort immer Tag.

Das Dunkle Tal führt also direkt auf die Sommerwiese. Ich glaube, das muss so sein, weil es so gut tut, ins warme Sommerland zu kommen, wenn du durch die Schatten des Tales gegangen bist. Da fühlst du dich ganz schnell mollig warm.
Es gibt übrigens viele Leute, die legen sich erst einmal eine Weile hin und schlafen, wenn sie auf der Sommerwiese angekommen sind. Sie lassen sich einfach ins Gras fallen, und selbst wenn sie direkt in der Sonne liegen, kriegen sie keinen Sonnenbrand. Es wird ihnen einfach warm, und sie träumen etwas Schönes.

Aber jetzt darf ich nicht vergessen, mehr über den zu erzählen, der immer wartet. Er ist nämlich der Allerwichtigste.
Er steht immer am Ausgang des Dunklen Tales. Seine Augen schweifen suchend durch die Schatten. Denn er wartet auf alle, die durch das Tal kommen.


Zusammen mit ihm stehen drei Engel da. Die Engel sollen ihm helfen und stehen bereit, um alles zu tun, was er ihnen sagt.

Der erste heißt Engel des Lichtes.
Wenn Du schon einmal am Meer warst, dann hast du bestimmt schon einen Leuchtturm gesehen. Ohne Leuchtturm wissen die Schiffe nicht, wie sie fahren sollen, um sicher voranzukommen. Und der Engel des Lichtes ist fast so etwas wie ein Leuchtturm.


„Komm, ich hör jemanden“, sagt Der Immer Wartet zum Engel des Lichts. Dann stellt der Engel des Lichtes sich in den Ausgang des Dunklen Tales und lässt seine Fackel weit in die Finsternis hineinleuchten.
Die durchs Dunkle Tal kommen, sehen das Licht. Und sie wissen, wohin sie gehen sollen.

„Psst“, sagt Der Immer Wartet, „Ich höre die Schritte eines kleinen Kindes. Engel des Lichtes, strahl heller! Leuchte wärmer und zeig dem Kind den Weg!“


Und jedes Mal, wenn ein ganz kleines Kind ankommt, geht der Engel des Lichtes ganz in das Dunkle Tal hinein. Das Licht ist so stark, dass die Schatten verschwinden. Dann ist es taghell im Dunklen Tal.
Das kleine Kind sieht das Licht und läuft ihm fröhlich entgegen.
Da lächelt Der Immer Wartet.


Er streckt dem Kind die Arme entgegen. Aber das kann das Kind noch nicht sehen, weil das Licht so hell ist, und weil das Kind noch tief im Dunklen Tal ist.

Dann ruft Der Immer Wartet den zweiten Engel herbei. Das ist der Engel der Hoffnung. Hoffnung ist etwas, was dich fröhlich macht, damit du wieder Lust bekommst, im Dunklen Tal weiterzugehen. Der Immer Wartet weiß, dass das kleine Kind von der langen Wanderung leicht müde wird. Deshalb bittet er den Engel der Hoffnung zu kommen und auf seiner Flöte zu spielen.


Wenn der Engel auf der Flöte spielt, dann ist das so, als ob alle Singvögel der Welt in dieser Flöte wohnen. Und wenn er spielt, dann flattern sie mit seiner schönen Melodie weit hinaus. Sie fliegen ganz weit, bis hin zu dem Kind, das durchs Dunkle Tal wandert. Dann fängt das Kind an, sich zu erinnern. Es denkt an den Sommer und an die Vögel. Es denkt daran, wie es gespielt und gekuschelt hat, wie es fröhlich gewesen ist.

Wenn das Kind die Flötenmusik hört und das Licht sieht, dann denkt es vorwärts und dann spürt es: „Ich muss mich beeilen, damit ich dahin komme, wo die Musik herkommt. Denn da gibt es einen Ort, wo ich mich sehr freuen kann. Da ist der Sommer und die Freude und die Wärme.“ Das Kind beginnt schnell zu laufen. Die Füße, die so müde waren, kriegen wieder richtig neue Kraft.

Aber wenn das Kind noch sehr klein ist, dann kann es sein, dass es nicht so weit laufen kann. Selbst wenn der Engel des Lichtes so hell wie möglich strahlt, selbst wenn der Engel der Hoffnung so laut und schön spielt, wie er nur kann – es kann doch passieren, dass das Kind müde wird und nicht mehr laufen will. Vielleicht setzt es sich hin, um auszuruhen. Vielleicht schläft es auch ein.


Weißt du, was dann geschieht? Dann geht Der Immer Wartet selbst in das Dunkle Tal hinein. Er ist der einzige, der fähig ist, den Weg zurückzugehen und die abzuholen, die kommen. Ja manchmal geschieht es auch, dass ganz kleine Kinder sterben, die noch gar nicht laufen gelernt haben. Dann muss Der Immer Wartet durch das ganze Tal laufen, um sie zu holen. Und dann trägt er sie ganz behutsam durch das Dunkle Tal und legt sie ganz vorsichtig ins Gras der Sommerwiese.

Während er durchs Dunkle Tal geht, singt er. Wenn die Kinder schlafen, singt er Wiegenlieder, und wenn sie wach sind, singt er fröhliche Lieder. Die handeln von dem, was es auf der Sommerwiese, in den Frühlingsgärten, im Winterwald und auf dem Herbstfeld an schönen Dingen gibt.

Das Kind sieht, wie er ihm entgegenkommt, aus derselben Richtung, aus der das Licht kommt. Dann hat das Kind keine Angst mehr. Es weint auch nicht mehr, es ist gar nicht mehr traurig. Denn das Kind spürt genau, dass der, der aus dem Licht kommt, Gutes bringt.